Büle – 18 -
…
Und da stand er da, das erste Mal in seinem Leben mit der Frage im Kopf:
wohin?
So warteten sie alle drei an der Kreuzung, Hibu auf dem Schild, Bülle auf der Erde und Cloac in seiner Tasche. Cloac, die anfangs vor lauter Wut und Ungeduld in ihrem Fläschchen wild herum geschrien und gezappelt hatte, war als sie plötzlich den bitteren Geschmack des Giftes auf den Lippen schmeckte augenblicklich ruhig geworden und nutzte nun die Gelegenheit, Geduld und Vernunft zu lernen, oder, was noch wahrscheinlicher war, sie dachte sich einen teuflischen Plan gegen Büle aus!
Während dessen merkte Bülle, wie etwas in seinem Kopf geschah, irgend etwas unerklärliches, das ihn ein bisschen an das Gefühl erinnerte, das er gehabt hatte, als er in seiner Seifenblase plötzlich anfing zu wachsen.
Er spürte wie sich etwas bewegte, und wie dieses Etwas versuchte sich aus seinem Kopf zu befreien. Und dann war es da. Es war die Antwort auf die allererste Frage, die Büle sich je gestellt hatte und diese lautete:
“Alle Richtungen sind gleich. Wähle eine beliebige und du wirst merken ob es deine Richtung ist. Wenn nicht, dann mußt du hierher zurückkehren und die nächste Richtung ausprobieren.”
Wenn es egal ist, dachte Bülle, dann gehe ich einfach hier entlang und ohne es zu wissen ging er nach Norden. Hibu, nach der kurze Pause wieder voller Tatendrang war froh, daß es jetzt endlich weiter ging und sie war fest entschlossen, Bülle nicht aus den Augen zu lassen. Sie flog in Kreisen über ihm dahin und zwischen all den neuen Dingen die sie sah, achtete sie immer wieder darauf, ob sich nicht eine Möglichkeit ergebe, Cloac aus der Flasche zu befreien.
Büle aber ging und ging, und hatte die Hände in den Taschen, ging immer geradeaus nach Norden.
Die Luft wurde kälter und der Wind begann ihm hart ins Gesicht zu wehen und zerzauste Hibus Gefieder.
Ihr machte das Fliegen so langsam keinen Spaß mehr, sie war ein Schönwettervogel und mochte keine heftigen Böen, die sie herum wirbelten und aus dem Gleichgewicht zu bringen drohten.
Und auch für Büle wurde es beschwerlicher, denn der Weg war steinig und steil.
Dann aber sah er plötzlich riesige Felsblöcke vor sich in den Himmel aufragen. Hier verlor sich der Weg und es ging nicht mehr weiter.
Diese Felsblöcke, das was die Erdenwesen „Berge” nennen, erinnerten ihn an irgend etwas, doch er wusste nicht woran, es war das komische Gefühl, sowas schon einmal gesehen zu haben. Ganz weit hinter den Bergen konnte er einen schmalen, helleren Streifen am Himmel sehen, ganz anders als in Cloacland, wo es immer dunkel war, was, wie wir ja wissen, daran lag, dass Cloac die Sonne aus Versehen weg gezaubert hatte. Und das Licht hinter den Bergen, weckte in Büle dieses gewisse Gefühl, das wir Sehnsucht nennen wollen, oder vielleicht besser Heimweh, doch Büle selbst wusste nicht was es war.
Aber Büle mußte umkehren, zurück zu dem Schild an der Kreuzung, denn es war ganz offensichtlich, hier konnte er nicht weiterkommen.
…
